Wie du deine Werte erkennst und lebst
Warum werteorientiertes Handeln Sinn stiftet und trotzdem manchmal wehtut
Warum sind Werte eigentlich so wichtig, dass sogar eine Therapierichtung sie zum Kern macht? Warum gehört zu Werten immer auch Leiden? Und warum winkt bei werteorientiertem Handeln – anders als bei Goethes Werther – am Ende ein Happy End?
Werte sind mehr als schöne Worte auf einer Unternehmenswebsite. Sie sind das, was dir wirklich wichtig ist – tief drin, oft lange bevor du es benennen kannst. Sie geben Motivation, Orientierung und Sinn. Und genau deshalb lohnt es sich, ihnen auf die Spur zu kommen.
Aber: Werte haben es nicht leicht. Sie sind umzingelt von Glaubenssätzen („Das ist egoistisch", „Das macht man nicht"), sozialer Norm und einer Menge innerer Widerstände. Der Weg zum werteorientierten Leben ist oft komplex. Ein bisschen Theorie hilft, um sich der Praxis zu nähern.
Sauberes vs. schmutziges Leiden
Stell dir vor: Du forschst als Wissenschaftler:in an etwas Bahnbrechendem, das soziale Gerechtigkeit verbessert. Dieser Wert gibt dir Sinn und Richtung. Gleichzeitig hast du enormes Lampenfieber davor, öffentlich zu sprechen. Aber genau das wäre nötig, um deine Erkenntnisse publik zu machen.
Sauberes Leiden wäre: die Nervosität akzeptieren und trotzdem auf die Bühne gehen. Wenn ich weiß, wofür ich es tue, wird das Unbehagen tragbar. In der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) – einer modernen, wissenschaftlich fundierten Therapierichtung – nennt man das sauberes Leiden.
Schmutziges Leiden wäre: den Auftritt immer wieder absagen. „Schmutzig" nicht im Sinne von falsch oder schwach, sondern: selbst erzeugt durch Vermeidung. Kurzfristig Erleichterung – aber zum Preis, den eigenen Wert dauerhaft zu unterdrücken. Das Leiden entsteht hier nicht aus dem Handeln, sondern aus der Vermeidung.
Der erste Schritt: die Vermeidung bemerken
Ein guter erster Schritt ist schlicht: bemerken.
Ah, ich vermeide gerade.
Das macht ja auch Sinn – Angst, Druck, Scham, Frust sind unangenehm. Aber wenn das, was auf der anderen Seite wartet, dir wirklich wichtig ist, wird das Einlassen auf dieses Unbehagen leichter.
Und oft merkst du danach: Das war richtig. Auch wenn es anstrengend war. Dieses Nachher-Gefühl ist der Beweis, den kein Vermeidungs-Argument ersetzen kann. Und die Brücke in die Praxis.
Und jetzt? Die Praxis
Das ist der schwierige Teil.
Angenommen, du bist dir deiner Werte bewusst – besonders derer, die du noch nicht so lebst, wie du es dir wünschst. Dann helfen, ganz coaching-like, natürlich Fragen weiter:
😌 Was würdest du machen, wenn du keine Angst hättest?
💗 Was liegt dir wirklich am Herzen und möchte mehr Raum?
🎷 Welcher Film, welche Musik berührt dich – und was genau daran? Eine ungewöhnlichere Frage, die oft überraschend viel aufdeckt: Werte verstecken sich gern in dem, was uns emotional trifft, noch bevor wir sie benennen können.
Bei mir waren es die Werte Entwicklung und Verbindung, die mehr Raum bekommen durften.
Wenn ich heute vor Workshops aufgeregt bin und Sorge habe, ob es gut läuft, dann denke ich daran: Ich möchte Entwicklung ermöglichen und Verbindungen stärken. Behutsam, aber auch mit Leichtigkeit. Das reicht mir oft, um die unangenehmen Gefühle und den Druck zu akzeptieren.
Was kommt als Nächstes?
Im nächsten Beitrag gehen wir tiefer in die Praxis: Wir schauen uns den einen Wert an, der bei dir mehr Raum bekommen darf. Und die entscheidende Frage: Welches saubere Leiden bist du bereit, dafür in die Welt zu holen?